Drucken
Für das Einfrieren der Tabellen erhält der Tischtennis-Verband nicht nur Lob - Ein kleiner Shitstorm in den sozialen Medien, eine Unterschriftenpetition im Internet als vermeintlicher Aufstand der Basis und sogar mögliche Rechtsstreitigkeiten: An der grünen Platte geht es dieser Tage rund. Was ist geschehen? Die Tischtennis-Saison 2019/20 ist Geschichte. Eine außergewöhnliche Geschichte. Eine mit einem abrupten Ende. Der Deutsche Tischtennis-Bund und seine Landesverbände haben sich aufgrund der Corona-Krise dazu entschieden, die Saison mit sofortiger Wirkung zu beenden.

Der Hessische Verband (HTTV) wiederum nimmt die derzeitigen Ranglisten in allen Spielklassen und friert diese als Abschlusstabellen ein. Damit stehen Auf- und Absteiger fest. „Einhundert Prozent Gerechtigkeit kann es nicht geben“, sagt dazu Dennis Erbe. Der Vizepräsident Öffentlichkeitsarbeit des HTTV erklärt, wie es zu der Entscheidung kam. „Das“, so Erbe mit Nachdruck, „war ja kein Alleingang, sondern ist das Ergebnis einer demokratischen Abstimmung.“ In der vorherigen Diskussion gingen die Verbandsvertreter dabei mehrere Vorschläge durch, wie mit der schwierigen Situation umzugehen ist. Eine Annullierung der Saison, das wurde schnell klar, empfand die große Mehrheit als die ungerechteste Möglichkeit. Damit hätten alle sportlichen Erfolge der Spielrunde keinerlei Bedeutung gehabt. Über einen interessanten Vorschlag wiederum wurde länger diskutiert. Ein Bezirk hatte ein Modell ausgearbeitet, bei dem anhand der Vorrunden-Ergebnisse die Rückrunden-Resultate mit einer großen Wahrscheinlichkeit korrekt ausgerechnet worden wären. Anhand dieser hätten sich dann Abschlusstabellen erstellen lassen. „Eine sehr charmante Idee“, sagt Erbe, „Doch dieses Modell wäre juristisch nicht haltbar gewesen. Das hat uns der Justitiar schnell deutlich gemacht.“ So blieben am Ende nur zwei juristisch haltbare Möglichkeiten: Entweder die Vorrunden-Tabellen als Abschlussklassements zu werten oder eben die derzeitigen Tabellen einzufrieren. „Gegen die Vorrunden-Regelung sprach letztlich, dass es kaum möglich gewesen wäre, beispielsweise Punktabzüge wegen Bestrafungen oder auch die Wertung von Spielen gegen Teams, die sich nach der Vorrunde zurückgezogen haben, einfließen zu lassen“, erläutert Erbe den Nachteil der ersten Variante. So wurde schließlich das Einfrieren der derzeitigen Tabellen beschlossen. Eine Variante, die nicht nur Erbe für die letztlich gerechteste hält, auch wenn „es eben immer Härtefälle gibt“, wie der Spieler des TV Lützellinden einräumt. Dabei hat der Verband bereits versucht, möglichen Streitfällen aus dem Weg zu gehen, in dem beispielsweise Vereine, die eigentlich an Relegationen teilnehmen müssten, gleich in die höhere Liga eingestuft werden. „Wir haben es so flexibel gehandhabt, dass es jedem gerecht wird“, sagt der HTTV-Vizepräsident.

An einigen Härtefällen sind allerdings auch die Vereine durchaus mitschuldig. Während in den meisten anderen Sportarten Spielverlegungen kaum möglich sind, zählen diese im Tischtennis fast schon zum Standardprogramm. Deshalb haben nun einige Vereine zwei oder drei Partien mehr absolviert als andere, was die Tabellen verzerrt. „In Schleswig-Holstein gibt es den Fall, dass ein Team erst elf Spiele ausgetragen hat, während ein anderes bereits 20 absolviert hat“, berichtet Erbe von einem extremen Härtefall. Aber eben einem Härtefall, der von den Vereinen verursacht wurde. Doch in „95 Prozent aller Fälle wäre die Auf- und Abstiegsfrage auch so ausgegangen, wie wie sie jetzt entschieden wurde“, glaubt Erbe.

Mehr an sportlicher Gerechtigkeit ist in diesen schwierigen Zeiten kaum möglich. Dennoch ernteten die Funktionäre prompt einen kleinen virtuellen Shitstorm. Auf einer Internet-Seite werden auch Unterschriften gegen die Entscheidung gesammelt. Über den Shitstorm kann Erbe nur den Kopf schütteln. „Wir“, betont er nochmals, „haben uns diese Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht. Am Ende war es ein demokratischer Prozess und den sollte man einfach respektieren.“

Zugriffe: 722