Karsten Zipp

In der kommenden Woche dürfen die Tischtennis-Spieler wieder in den Hallen trainieren / Doch nur unter strengen Vorgaben -  2,74 Meter könnten den Unterschied zwischen der Realität und der Normalität ausmachen. 2,74 Meter liegen zwischen Corona und dem Sport. 2,74 Meter beträgt die exakte Länge einer Tischtennis-Platte. Und diese könnte zum Lackmus-Test einer ganzen Pandemie werden. Wenn die Tischtennis-Spieler in den kommenden Tagen, aber vermutlich erst in der kommenden Woche ihren Trainingsbetrieb wieder aufnehmen, werden sie dem gesamten Hallensport ein Beispiel geben. Ein Beispiel für den Umgang mit einem Virus, den immer noch keiner so richtig einschätzen kann.

Am Montagabend hat der Hessische Tischtennis-Verband ein „Schutz- und Handlungskonzept“ an die Vereine verschickt. „Das“, erklärt HTTV-Vizepräsident Dennis Erbe, „sind nur Empfehlungen, die auf dem basieren, was das Schutzkonzept des Landes Hessen über den Umgang mit Corona aussagt.“ Tischtennis ist kein Kontaktsport wie Handball oder Basketball. Deshalb lässt sich für die schnellste Rückschlagsportart eine Rückkehr zu einem normalen Spielbetrieb gut vorstellen.

Wobei normal relativ ist. Denn das Schutzkonzept sieht durchaus gravierende Einschränkungen vor. An Wettkämpfe, also auch Turniere, ist aktuell noch nicht zu denken. Aber auch das Training wird in Corona-Zeiten einschneidend verändert. So muss jeder Verein einen Hygiene-Beauftragten ernennen, der sich um die Umsetzung des Konzepts sorgt. Dieser soll auch die Anmeldungen der Vereinsspieler zum Hallentraining entgegennehmen und diesen feste Partner an den jeweiligen Tischen zuweisen. Für zwei Spieler sind dabei 50 Quadratmeter in einer Halle als der Raum vorgesehen, an dem sie ihren Topspin-, Konter- oder Aufschlag-Übungen nachgehen können. Da Tischtennis in den Dörfern teils auch in kleineren Dorfgemeinschaftshäusern gespielt wird, kann das dazu führen, dass sich vielleicht auch nur vier Spieler in einer derartigen Halle aufhalten dürfen. In den Plänen, die die Hygieneverantwortlichen aufstellen, muss aufgeführt werden, wer beispielsweise von 19 bis 20 Uhr an der Platte steht und welches Duo danach zum Schläger greifen darf. Dazwischen müssen die Tische desinfiziert werden. Zudem sollten die Spieler ihre eigenen, extra markierten Bälle mitbringen. An Doppel, Mixed oder Rundlauf ist erst gar nicht zu denken. Die Duschen in den Hallen bleiben vorerst Sperrzone. Und die Spieler sollen bereits in Sportkleidung in die Halle kommen.

All das wirft zahlreiche Fragen auf. „Entscheidend ist natürlich, ob die Städte und Gemeinden die Hallen überhaupt freigeben“, benennt Erbe das Grundproblem. Tobias Erben, der Sportamtsleiter der Stadt Gießen, kann dazu mehr sagen: „Wir arbeiten mit Hochdruck an den Planungen für eine Freigabe der Hallen. Aber diese müssen natürlich erst gereinigt werden. Dazu muss geklärt werden, wer für die Hygiene während des Trainings verantwortlich ist und beispielsweise die Desinfektionsmittel zur Verfügung stellt. Ich denke, frühestens nächste Woche können wir die Hallen öffnen, wobei ich nicht glaube, dass wir alle in der Stadt zur Verfügung stellen können. Deshalb müssen auch neue Belegungspläne erstellt werden.“

Wegen all dieser Schwierigkeiten appelliert auch der HTTV-Vizepräsident an die Vereine, „derzeit keine Gastspieler im Training zuzulassen“. Die Hallen dürften so oder so bei den wenigen zugelassenen Akteuren schnell ausgelastet sein. Ein wiederum fast schon lustiger Aspekt des Tischtennis-Neustarts: Die Spieler sollen künftig darauf verzichten, ihre Schläger abzulecken, anzuhauchen oder anzuspucken. All das kommt tatsächlich vor. „Damit wollen manche ihre Schläger von Staub befreien. Das ist jetzt natürlich genauso untersagt wie sich den Handschweiß an der Platte abzuwischen“, erklärt Erbe. Der Verband wiederum muss schon weiterdenken. Vor allem an einen möglichen Saisonstart im September. Auch dafür haben die Funktionäre bereits ein erstes Konzept erarbeitet. Nach welchem Modus in der kommenden Runde gespielt wird, ist dabei die Hauptfrage. „Darüber“, so Erbe, „machen sich viele Leute beim DTTB und in den Landesverbänden Gedanken.“ Doppel wird es wahrscheinlich nicht geben. So ist es beispielsweise denkbar, dass Sechser-Mannschaften, statt wie bisher vier Doppel und zwölf Einzel auszutragen, nur noch zwölf Einzel absolvieren.

Auch beim Wettkampfbetrieb müssen natürlich alle Distanzgebote eingehalten werden. Was aber nutzt es, wenn sich die Spieler in der Halle aus dem Weg gehen, wenn sie vorher zu den Auswärtspartien gemeinsam zu zweit oder zu dritt in einem Auto anreisen? „Das darf natürlich nicht sein. Wir appellieren an alle, alleine im Auto zu den Spielen zu fahren, auch wenn das jedem Gedanken an ökologisches Verhalten zuwider läuft“, sagt Erbe, der jedoch betont, dass es für derartige Planungen noch zu früh sei. Doch zugleich benennt er damit ein Grundproblem aller gesellschaftlichen Schutzmaßnahmen: Was ist wichtiger? Schutz vor Corona oder Schutz der Umwelt? Ein Problem, dem sich letztlich die Politik stellen muss.

Ein Problem, dem sich alle Vereine wiederum widmen müssen, benennt die Crux all dieser Schutzmaßnahmen: Wer kontrolliert die Einhaltung der neuen Regeln? Vermutlich kaum ein offizieller Ordnungshüter. Deshalb appellieren Sportamtsleiter Erben und HTTV-Mann Erbe auch gemeinsam an alle Tischtennisspieler und Vereine, sich an die Vorgaben zu halten.

Denn klar ist: Wenn die Wiederaufnahme des Trainings zu verstärkten Corona-Infizierungen führt, könnte das so heiß ersehnte Sporttreiben schnell wieder untersagt werden. Selbstverantwortung lautet das Motto für alle. Auch deshalb könnte der Tischtennis-Sport zum Lackmus-Test für den gesellschaftlichen Umgang mit Corona werden.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wo Sport in Corona-Zeiten betrieben werden soll, findet sich eine Lösung. Und das sogar für Sport in geschlossenen Räumen. Der Tischtennis-Verband hat nun die Vorarbeit geleistet, wie der Trainingsbetrieb wieder aufgenommen werden kann.

Das ist zwar mit Einschränkungen verbunden, das erfordert von den Vereinen einen massiven Aufwand an planerischer Arbeit und das wird mit großer Sicherheit auch von vielen Sportlern belächelt oder gar veralbert werden – aber all das ist zwingend notwendig. Notwendig, damit nicht die Sporthallen zur Brutstätte einer zweiten Infektionswelle werden. Denn eine solche würde das Sportgeschehen insgesamt in Deutschland über weitaus längere Zeit lahmlegen.

Deshalb appellieren Behörden und Verbände zurecht an alle Sportler, sich dieser Verantwortung bewusst zu werden und an die Vorgaben zu halten. Zudem sind alle diese mühevoll erarbeiteten Vorgaben von den einzelnen Spielern eher mühelos einzuhalten. Und so wird in diesen Tagen Selbstverantwortung zum nächsten Schlagwort nach der zuvor so viel gepriesenen Solidarität. Für das Tischtennis wiederum bietet sich nun die große Chance, den anderen Hallensportarten ein gutes Beispiel für den guten Umgang mit der Corona-Krise zu bieten. Eine fast schon einmalige Chance für eine Sportart, die oftmals leider nur als zweitrangig wahrgenommen wird. Karsten Zipp

EINIGE ECKPUNKTE DES HTTV-KONZEPTS

– Die Tische sind durch geeignete Maßnahmen zu trennen. Zur Abgrenzung mehrerer Tische werden Tischtennis-Umrandungen oder, wenn diese nicht vorhanden sind, andere geeignete Gegenstände genutzt. Bei Hallen mit Trennvorhängen sollte man auch zusätzlich diese nutzen.
– Zwischen zwei Tischbelegungen wird jeweils eine mehrminütige Pause eingeplant, um einen kontaktlosen Wechsel am Tisch zu ermöglichen.
– Die Spieler verzichten auf Händeschütteln oder andere Begrüßungsrituale mit Kontakt, um das Abstandsgebot einzuhalten.
– Der Seitenwechsel erfolgt im Uhrzeigersinn um den Tisch herum.
– Auch während Spielpausen ist der Abstand von 1,5 Metern zu anderen Personen einzuhalten.
– Trainer und Spieler waschen sich vor und nach dem Aufbau der Tischtennistische und Abtrennungen die Hände. Nach jeder Trainingseinheit sind die Tischoberflächen, die Tischsicherungen und die Tischkanten zu reinigen.
– Häufig übliche Handlungen wie Anhauchen des Balles oder Abwischen des Handschweißes am Tisch sollen unterlassen werden. Für das Abtrocknen von Ball, Schläger oder Schweiß ist ein eigenes Handtuch zu benutzen.
– Umkleideräume und Duschen werden nicht genutzt.

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