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Uwe WeichselDer Blick in das Archiv des Gießener Tischtennis-Kreises fördert so manche Perle hervor / Fast schon einzigartige Fleißarbeit - „Als am Samstagabend in der Volkshalle zum ersten Mal Beifallsstürme aufklangen und die Mannschaften von Hessen und Thüringen (Bezirk Erfurt-Gera) unter dem Lichtkegel der Tiefstrahler zur Begrüßung Aufstellung nahmen, schlugen die Herzen der Freunde des Tischtennissports höher.“ Am 15. Juni 1953 erlebte Gießen seine erste Tischtennis-Großveranstaltung nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als 700 Zuschauer in der späteren Miller Hall sahen mit an, wie die Mannschaft Hessens den Deutschlandpokal durch einen 5:1-Endspielsieg über Thüringen gewann. Damals gab es noch gesamtdeutsche Sportwettbewerbe. Das sollte sich jedoch schnell ändern.

Fast 67 Jahre später sitzt Uwe Weichsel in seinem Garten in der Gießener Weststadt. Der Pressewart des Tischtennis-Kreisverbands erzählt, wie er das Verbandsarchiv in mühevoller Kleinarbeit digitalisiert hat. Inzwischen lässt sich fast das gesamte Material auf der Homepage des Kreisverbands einsehen. Eine wahre Fundgrube. Eine Fundgrube, in der es zudem wahre Perlen zu entdecken gibt. Eine davon ist gewiss das Finale von 1953 – organisiert von GSV-Abteilungsleiter Fritz Neumann-Spengel, „der sich für die mustergültige Organisation ein Sonderlob verdiente“, wie die damalige Gießener Freie Presse berichtete. Im hessischen Team trumpften Kurt Seifert (SV Wiesbaden) auf, „rührend besorgt um seinen in einer Fraueneinkaufstasche (!) verwahrten überdimensionalen Schwammgummischläger“, Verteidigungskünstler Willi Mallon (Grün-Weiß Kassel), „dessen Beinarbeit an einen schnellfüßigen Leichtgewichtsboxer erinnert“ oder auch der Frankfurter Werner Haupt. Die 700 Tischtennis-Fans in der Volkshalle spendeten schließlich riesigen Beifall, als Hessen den Pokal überreicht bekam.

„Dieser Text“, sagt Weichsel mit einem Schmunzeln, „ist schon einer der Highlights im Archiv.“ Und der 51-Jährige muss es wissen. Schließlich hat er in den vergangenen Jahren all die Zeitungsausschnitte, die in großen Leitzordnern abgeheftet sind, teils Blatt für Blatt eingescannt. Spielberichte, Verbandstagungen und Meisterschaften finden sich dabei von 1949 bis 2006 in diesem Archiv. Ein Archiv, das es in dieser Form kaum im Bundesgebiet zu finden gibt („Ich weiß zumindest von keinem anderen Kreis, der über eine derartige Sammlung verfügt“, so Weichsel). Ein Archiv, dessen Entstehungsgeschichte wiederum ebenfalls ganz besonders ist. Den Anstoß dazu gab der frühere Sportwart Kreiswart Volker Berg im Jahr 2004. Der Weickartshainer besuchte damals zum ersten Mal gemeinsam mit dem Freienseener Norbert Theiß die Gießener Universitätsbibliothek, um im Archiv alle Zeitungsberichte über den Tischtennis-Sport zu kopieren. Eine Fleißarbeit, die ihresgleichen sucht.

Fast immer mit dabei war der frühere Kreiswart Günter Laub. Auch Hans Hausner, Jürgen Adams und Bernd Gewiese halfen mit. Insgesamt 25 Besuche in der Uni-Bibliothek waren nötig, bis endlich alle Tischtennis-Texte kopiert waren. Anschließend verarbeitete und sortierte Volker Berg die Kopien zu einer mehr als zehn Ordner umfassenden Sammlung. Seit 2008 steht dieses Archiv allen Vereinen zur Verfügung. Als Volker Berg 2014 verstarb, wanderte die Chronik schließlich weiter. Heute befindet sie sich bei Kreiswart Rainer Jöckel.

Pressewart Weichsel übernahm schließlich die Sisyphos-Aufgabe, all diese Ausschnitte einzuscannen. Zunächst hielt er das jedoch für kaum möglich, da er nur über einen einfachen Scanner verfügte. Erst als dieser den Dienst verweigerte und dafür ein Gerät mit „automatischem beidseitigen Dokumenteneinzug“ folgte, schien die Arbeit machbar. Das war im Juni 2015. „Der Volker Berg muss irgendwas da oben gedreht haben, dass mein Scanner kaputt geht“, erzählt Weichsel. Die ersten vier Ordner waren so bald eingescannt, die folgenden bereiteten aber Schwierigkeiten, weil die Blätter nicht mehr in einer einheitlichen Form archiviert waren. Hier half dann der technische Sachverstands des 20-jährigen Sohnes Silas weiter. Nun stehen noch einige besonders schwierige Bände aus. Denn bei diesen sind die Zeitungsartikel nicht kopiert, sondern aufgeklebt. Da sorgt der „automatische Dokumenteneinzug“ nicht mehr für Entlastung und jedes Blatt muss einzeln eingescannt werden. „Die wahnsinnige Arbeit von Volker und allen anderen Beteiligten bleibt für mich der Ansporn, das digitale Archiv fertigzustellen“, sagt Weichsel.

All das macht der Gelegenheitsspieler bei der TTSG Biebertal ehrenamtlich. Einziger Lohn: So manches Schmankerl, über das er stolpert. „Witzig ist es immer, wenn ich Kinderfotos von Spielern finde, die ich erst als Erwachsene kennengelernt habe. Dem Ingo Hoffmann vom NSC W.-Steinberg habe ich mal geschrieben, dass ihn beim Durchblättern kürzlich das erste Mal mit Haaren gesehen habe“, so Weichsel. Und viele Namen, die sich in den Berichten aus den 50er-Jahren finden, sind bis heute wohlbekannt. „Teigler (GSV) gewann Licher Turnier“, heißt es am 30. Juni 1953 über einen der bekanntesten Spieler des Gießener SV. Andere Texte verweisen auf Vereine, die es in der Stadt nicht mehr gibt wie: „Spvgg. 1900 Gießen errang fünf Meistertitel“. Die 1900er sollten später im Tischtennis keine Rolle mehr spielen. Dafür kam die Polizei (Grün-Weiß) und die Post Gießen später im Stadtgebiet auf.

Und ein Problem verfolgt den Tischtennis-Kreis seit den Anfangstagen bis heute, weiß Weichsel zu berichten: „Es gab immer wieder Kreistage, auf denen händeringend nach Menschen gesucht wurde, die die Ämter besetzen.“ Zum Glück für den heimischen Kreis besetzt Uwe Weichsel eines dieser Ämter. Denn ansonsten wäre die Geschichte des Tischtennis wesentlich schwieriger zugänglich. Zum Beispiel auch der erste archivierte Spielbericht vom September 1949 aus der neu gegründeten Landesliga Nord, in der 1900 Gießen, VfL Marburg, Sinn, Lang-Göns, Gießener SV, Lich und Herborn antraten: „Infolge schwacher Doppelleistungen mußte der GSV zwei wertvolle Punkte abgeben. Neumann, Weinandt und Hauschka sorgten für eine 3:0-Führung des GSV. Lang-Göns schloß durch Müller, Franz und Schmandt nicht nur in den Einzeln auf“, sondern feierte schließlich den ersten archivierten Derbysieg im Tischtennis-Kreis Gießen.

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